tip, Berlin Berlinale

Ausweitung der Erzählzone
Ulrike Rechel

Manchmal stolpert man über eine Meldung in der Zeitung und bleibt daran hängen. Philip Scheffner ging es so, als er 1996 von einem ungelösten Todesfall hörte, der sich vier Jahre zuvor in Mecklenburg unweit der polnischen Grenze ereignete. Zwei Rumänen waren auf einem Feld erschossen worden, das kurz darauf abbrannte. Von einem Jagdunfall wurde ausgegangen, die Sache verschwand in den Akten. Der Dokumentarfilmer aus Berlin ahnte, dass die Geschichte zu seinem Thema passte, an dem er damals für geplante Filmprojekte recherchierte: Flüchtlingsgeschichten entlang der europäischen Grenzen, unter dem Zeichen der "Festung Europa".
"Ich glaube, was mich daran nicht losließ, war das Bild, das im Kopf entsteht: von einem Kornfeld, in dem zwei Menschen liegen. Man weiß nichts über sie; und das verschwindet dann auch wieder", sagt Scheffner. Bald hatte man zwei Namen, die der Toten. Doch sollte es noch viele Jahre dauern, bis er und seine Produktionspartnerin Merle Kröger das Thema in einen Film aufarbeiteten. In "Revision" werden die Hintergründe der Todesfälle rekonstruiert, gleichzeitig wird eine Geschichte von Auslassungen, Widersprüchen und Ausgrenzungen sichtbar – die eine zunehmend beklemmende politische Dimension entwickelt.
Zum Recherche-Beginn habe man zum Beispiel entdeckt, "dass es einen Prozess gegen zwei schließlich freigesprochene Jäger gab, bei dem aber niemand von den Angehörigen aus Rumänien anwesend war", erzählt der Regisseur. Danach sei "die Spirale losgegangen". Der Film führt den Berliner an Orte und Schreibtische nahe des Grenzgebiets; er sammelt Aussagen von Feuerwehrleuten, die die Leichen im verschmorten Feld liegen sahen, von Gerichtsmedizinern, Anwälten, einem Sprecher eines der beschuldigten Jäger, der die Männer im Feld mit Wildschweinen verwechselt haben will. Gleichzeitig begibt sich der Film auf Fährten, die vorher unberücksichtigt blieben: und findet sie vor allem aufseiten der toten Männer und deren Familien und Bekannten in Rumänien. Im Verlauf der Rekonstruktion kommt immer wieder die Frage auf, wo genau die Geschichte nun
eigentlich endet und wo beginnt: Ist der Startpunkt der Sommerabend 1992 auf dem Feld? "Sie fängt eigentlich sehr viel früher an", sagt Scheffner, "je nachdem, wer sie erzählt. Und damit verändert sich ihre politische Dimension." So berühren die Schüsse in den Feldern eines der Themen, mit denen Scheffner sich lang schon befasst. "Es geht auch um eine Art von Geschichtsschreibung und die Frage: Wie tauchen solche Menschen in der europäischen Geschichtsschreibung auf?"
"Revision" versieht die baren statistischen Zahlen – behördlich erfasste "Opfer" an der Grenze – mit Namen, Familienangehörigen, Freunden, Orten, ihrer Geschichte. Je mehr Stimmen gehört werden, umso stärker wird das politische Gewicht des Films; besonders konkret, als sich zeitliche wie personelle Verknüpfungen zum Rostocker Angriff von Skinheads und Bürgern gegen Bewohner eines Asylbewerberheims zeigen. Was wohl geschehen wäre, wenn die Situation "andersherum" gewesen wäre, fragt sich Scheffner, "wenn zwei Rumänen zum Jagdausflug nach Deutschland gekommen wären und zwei Deutsche erschossen hätten. Ob die deutschen Familien dann auch nichts davon gewusst hätten, dass ein Prozess stattfindet?" Auf die vielen Antworten, die "Revision" in der verworrenen Sachlage stiftet, folgen wichtige Fragen.