tageszeitung, 09.02.2012

Entzaubertes Mantra am Potsdamer Platz
Christina Nord

(...) Ebenfalls im Forum läuft "Revision" von dem Berliner Filmemacher Philip Scheffner. Im Sommer 1992 werden zwei Roma auf einem Getreidefeld in Mecklenburg-Vorpommern von Jägern erschossen. Wahrscheinlich war es ein Unfall, aber es gibt viele Ungereimtheiten. Scheffner blickt wieder und wieder auf das Geschehen, er besucht die Angehörigen der Toten in Rumänien, er spricht mit den damals ermittelnden Polizisten, mit einem Gerichtsmediziner, mit einem Vertreter der Staatsanwaltschaft, mit dem Anwalt eines Schützen.

Was dabei nach und nach zum Vorschein kommt, ist zum einen der Umstand, dass die unterschiedlichen Perspektiven auf das Geschehen nach so vielen Jahren nicht mehr zur Deckung kommen, was wiederum Konsequenzen für die Filmerzählung selber hat. Zum anderen bezeugt "Revision" eine erschreckende Teilnahmslosigkeit der ermittelnden Behörden und der Justiz.

Wichtige Zeugen wurden noch vor Eröffnung des Prozesses gegen die beiden Jäger abgeschoben, die Angehörigen vom Prozess nicht mal in Kenntnis gesetzt, die Schützen schließlich freigesprochen. Aus "Revision" schaut einem ein hässliches Deutschland entgegen, und diese Hässlichkeit hätte man vielleicht verdrängen können, solange die Mordserie der NSU-Terroristen unentdeckt blieb. Heute muss man sich ihr stellen.