Filmanzeiger

Loop des Unerträglichen
Manuel Schubert, 29.02.2012

Wenn etwas durchgesehen, nachkontrolliert, nachgeprüft wird, kann dies zwei Gründe haben. Entweder ist es Routine - die Mängelfreiheit einer Sache soll erneut bestätigt werden. Oder es gibt einen konkreten Anlass, einen Zweifel an etwas oder jemandem; Revision.
Nadrensee, Mecklenburg-Vorpommern. Ein kleines Dorf im Städte-Dreieck Schwedt - Szczecin - Prenzlau – in Sichtweite befindet sich die Grenze zu Polen. Heute ist dieses Dorf ein Teil Kerneuropas, 1992 war es ein letzter Außenposten oder umgekehrt betrachtet, die erste Ortschaft auf EU-Land. Am 29.06.1992 kamen auf einem Feld unweit der Ortschaft Nadrensee zwei Menschen ums Leben. Sie wurden erschossen.
Täglich sterben Menschen an den europäischen Außengrenzen. Während Europa im Zuge seiner Einigung zu einem gigantischen Wirtschaftsraum wurde, zerfledderten endlose Krisen und Kriege den afrikanischen Kontinent. Das Mittelmeer blieb vielen als einziger Fluchtweg aus dem Elend. Und wurde Zehntausenden Menschen zum Grab. Die Bilder von leeren oder halb gesunkenen Booten vor den südeuropäischen Küsten sind uns bekannt. Unsere Medien verbreiten sie mit routinierter Professionalität. Lottozahlen. Die Frage nach dem Schicksal derer die an Board dieser „Boote“ waren, wird mit derselben Routine nicht gestellt. Stattdessen kommt der Name einer europäischen Agentur ins Spiel: Frontex. Ein Phantom.
20 Jahren zuvor: Der Ostblock löste sich auf und in Deutschland wurde immer deutlicher, welch hohen individuellen und sozialen Preis die Wende forderte. Polen, Tschechien, Rumänien waren Länder außerhalb Europas und aus kerneuropäischer Sicht in etwa das, was heute Afrika für uns ist: Dritte Welt. Das sahen die Menschen in jenen Ländern ähnlich und suchten ihr Glück in der EU. Die deutsch-polnische Grenze war Außengrenze und zugleich Tor zum Wohlstand versprechenden Deutschland.
Die mecklenburgische Lokalzeitung „Nordkurier“ bringt Ende Juni 1992 eine kurze Meldung zu einem Jagdunfall: Zwei Jäger haben zwei illegale Einwanderer unweit von Nadrensee erschossen. Sie hielten sie für Wildschweine. Das Regionalblatt „Ostseezeitung bringt ebenfalls eine Meldung - über den Tod zweier „Menschenschlepper“. In keinem der Blätter tauchen Details über die Toten auf, sie bleiben anonym. Dinge. Illegale. Menschenschlepper. Die Polizei registriert am 29. Juni zwei männliche Leichen, gefunden auf einem Acker unweit von Nadrensee. Die Pässe der Toten identifizieren sie als rumänische Staatsbürger.
Akribie ist ein zentrales Merkmal in den dokumentarischen Arbeiten von Philip Scheffner. In seiner ersten größeren Kinoarbeit THE HALFMOON FILES (D 2007) grub er sich regelrecht in die verschüttete Geschichte der deutschen Kolonialzeit und erkundete das Schicksal eines indischen Soldaten. Der wurde als Kriegsgefangener unweit von Berlin interniert und zum Forschungsgegenstand begeisterter, wie auch offen rassistischer Politiker und Forscher. Scheffner nimmt die individuelle Geschichte als Basis, baut darauf eine immens vielschichtige Betrachtung des Spannungsverhältnisses von Öffentlichkeit zu Meinung zu Politik zu Wissenschaft auf, die indirekt aufs Heute durchschlägt. Ähnlich geht er auch im folgenden Werk DER TAG DES SPATZEN (D 2010) vor. Das scheinbar zufällige Nebeneinander zweier Zeitungsmeldungen ist hier der Ausgangspunkt für eine hochgradig verdichtete, am Ende annähernd politisch subversive Reflexion über die Frage, ob wir in Deutschland wirklich im Frieden leben, oder doch im Krieg.
„Man kann sich die Geschichte länglich denken, sie ist aber ein Haufen.“ – ein Off-Kommentar von Thomas Heise in seinem dokumentarischen Essay MATERIAL (D 2009). Heises MATERIAL und Scheffners REVISION sind sich auf interessante Weise ähnlich. Nicht nur, weil sie einen ähnlichen Zeitraum bearbeiten. Auch ihre Erzählungen kreuzen sich an bestimmten Orts- und Zeitmarken. Rostock. Lichtenhagen. Sommer 1992.
Heise dröselt seinen Haufen von sprichwörtlichem Material aus annähernd 25 Jahren Arbeit auf. Findet Anekdoten, findet verschollene Dokumente. Findet bewegte Bilder von der Rückseite der deutsch-deutschen Geschichte zwischen 1985 und 2009. Mit diesen Bildern setzt er die Geschichte(n) neu zusammen, baut einen Denk- und Deutungsraum für den Zuschauer. Und gibt seinem Publikum somit auch Mündigkeit über die eigene Erinnerung zurück.
So ein Haufen hat etwas Praktisches an sich: Es ist eben nur ein Haufen, ein geschlossenes Gebilde, dessen Inneres sich erst bei genauer Betrachtung erschließt. Diese Betrachtung kann man aber auch sein lassen. Das Gegenteil davon bei Philip Scheffner. Er obduziert den Berg an Fragmenten, rund um die Toten von Nadrensee, mit unermüdlicher Penibilität. Dramaturgisch folgen wir zwei Erzählstränge, die sich im Verlauf der 106 Minuten immer dichter kommen und schließlich überlagern. Einerseits sucht er die Familien der beiden toten Männer auf. Andererseits rekonstruiert er die mutmaßlichen Todesumstände und beleuchtet die weitere Behandlung des Falls durch deutsche Behörden.
Scheffners REVISION bricht aus dem dokumentarischen Inszenierungskanon aus. Seine Protagonisten bekommen ihre eigene Mündigkeit im Angesicht der Kamera zurück. Wir verfolgen, wie sie ihre gesprochenen Worte selbst noch einmal vor der Kamera hören und bestätigen. REVISION funktioniert im Zustand eines fortwährenden Loops. Jedes Interview erleben wir hier doppelt. Immer und immer wieder beschreibt Scheffner von Neuem die Tat, stets erweitert um ein weiteres Detail. Der obduzierte Haufen wird mit derselben unerbittlichen Genauigkeit wieder zusammengefügt, nur sind wir diesmal vollkommen vertraut damit. Unerträglich. Unglaublich. Jeder Protagonist bestätigt mit einem einfachen Kopfnicken, das es sich wohl tatsächlich so zugetragen hat.
Am Ende haben wir eine Reise hinter uns, die auf einem uckermärkischen Acker begann. Und die uns über einen Zeitraum von 20 Jahren nach Rumänien und Westdeutschland führt, um schließlich wieder in jenem ekelhaften Sommer 1992 anzukommen, in welchem sich in Rostock-Lichtenhagen der Mob in seiner ganzen Menschenfeindlichkeit demaskierte. REVISION ist vielleicht einer der wichtigsten Filme der jüngeren deutschen Geschichte. Ohne Zweifel ist dieses einzigartige dokumentarische Kino eine unerbittliche Bestandsaufnahme deutscher Abgründe – mitten in Europa.