FAZ, 23.02.2012

Kamerablick nach rechts - Hinweis auf einen übersehenen Berlinale-Schwerpunkt
Hans Hütt

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2012
(...) Philip Scheffner dokumentiert in seinem Film "Revision" den Tod zweier Rumänen an der deutsch-polnischen Grenze. Angeblich sind sie Opfer eines Jagdunfalls geworden. Akribisch rekonstruiert der Film das Wetter und die Sicht im Morgengrauen des 29. Juni 1992. Wir wissen nicht, was die Jäger an diesem Morgen tatsächlich in ihren Suchern sahen, bevor sie abdrückten. Wer hier das Weite sucht, sich aus der Verantwortung stiehlt, sind die Schützen, die neunzehn Jahre später in letzter Instanz freigesprochen werden. Nicht gut weg kommen auch die Strafverfolger. Scheffners Revision der Geschichte bezeugt zwei Sichtweisen: die der Opfer und die der Täter. Die Hinterbliebenen erzählen die Geschichte der europäischen Grenzregime. Die Täter stehlen sich mundfaul aus der Verantwortung. Mitgefühl? Dumm gelaufen. Jagdhaftpflicht? Wurde gemeldet. Niemand kümmert sich darum, dass die Hinterbliebenen als Nebenkläger und Zeugen aussagen oder eine Entschädigung erhalten. Scheffners Film steht in der Tradition von Claude Lanzmanns Film "Shoah". Am Tatort von 1992 wird neunzehn Jahre später Mais geerntet. Das Feld steht unter dem Wind wie die schweigenden Wiesen und Waldlichtungen von Belzec und Sobibor. Der Dokumentarist verwandelt seine Kamera in einen Sucher, rückt in den Blick, was zu sehen gewesen sein könnte. Tatsächlich sehen wir, was fehlt und auf der Strecke blieb: Mitgefühl, Anteilnahme. Nichts ist inklusive.(...)