Perlentaucher 12.09.2012

Revision
Elena Meilicke

Philip Scheffners Dokumentarfilm "Revison" über den Tod zweier Roma geht von einer dürren Zeitungsnachricht aus und entwickelt eine unheimliche Wucht. (...)

"Revision" beginnt mit einem Kriminalfall, einer dürren Zeitungsnachricht: im Sommer 1992 werden zwei Roma auf einem Gerstenfeld in Mecklenburg-Vorpommern, nahe der deutsch-polnischen Grenze, erschossen. Angeblich haben zwei Freizeit-Jäger die illegalen Einwanderer im Morgengrauen mit Wildschweinen "verwechselt", das ganze soll ein "Jagdunfall" zu sein. Es gibt einen Prozess, Vertagungen, Gutachten, Berufung und schließlich einen Freispruch, weil man die Munition aus den Leichen nicht einwandfrei einem der beiden möglichen Schützen zuweisen kann.

Wo die Justiz scheitert und zu keinem Ergebnis kommt, versucht der Filmemacher Philip Scheffner eine Revision im Medium des Films. Revision ist ein juristischer Begriff, in dem das Sehen steckt: das Wieder-sehen, das Noch-einmal-sehen, die Rückschau. So strengt "Revision" ein alternatives Verfahren an: eine Neuverhandlung, in deren Zentrum jene "Inaugenscheinnahme" steht, die das Gericht unterlassen hatte, eine Neuverhandlung, in der es ums Hören und Sehen geht, eine Neuverhandlung, in der einem letztlich Hören und Sehen vergehen.

Ortsbegehungen, in Mecklenburg und Rumänien. Der Tatort in statischen, wiederkehrenden Einstellungen, das Feld, grell-grün und ansonsten unauffällig, spurenlos. Heute stehen hier Windräder und produzieren saubere Energie, unaufhörlich fahren die Rotorenblättern durchs Bild, stumm kriechen ihre Schatten übers Feld. Weil der Ort nichts verrät, befragt Scheffner alle jene Menschen noch einmal, die in Deutschland von Amts wegen mit dem Fall befasst waren: Feuerwehrmänner und Polizisten, Rechtsanwalt und Staatsanwalt, ein Pastor, ein Pathologe, ein Journalist. Und er spricht mit den Familien der beiden Toten, um ihnen einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte zu geben: Grigore Velcu und Eudache Calderar.

Die Gespräche, die Scheffner führt, sind ganz erstaunliche Hybridwesen: einerseits betreiben sie Mimikry an die Verfahrensförmigkeit des Rechts, andererseits stellen sie die Virtualität und Fiktionalität jeder nachträglichen Rekonstruktion aus. So beginnt jedes Interview mit einer Aussage darüber, wie der Interviewte die Geschichte von Grigore Velcu und Eudache Calderar beginnen würde, an welchen Punkt für ihn die Geschichte anfängt: "Es war einmal eine glückliche Familie...", beginnt einer, ein anderer erzählt vom Polizeinotruf. "Revision" praktiziert ein multiperspektivisches, vielstimmiges Erzählen, das in der Schwebe hält, konjunktivisch und relativ ist. Auf der anderen Seite folgen die Interviews einem stets gleichen Prozedere, einem regelrechten Protokoll. Mit einem ingeniösen Trick macht Scheffner die Aussagen rechtsförmig und erhebt seine Gesprächspartner in den Status von Zeugen: er spielt ihnen die eigene Aussage auf Tonband vor, filmt sie beim Zuhören und lässt sie anschließend die Aussage bestätigen, etwa so, wie man ein Vernehmungsprotokoll abzeichnen würde.

Die sorgfältige Konstruktion der Interviews und das eigens entwickelte Verfahren des "gefilmten Zuhörens" (ein Begriff von Scheffner selbst) machen deutlich, dass "Revision" ein ganz und gar durchdachter und durchkonzeptionierter Film ist, ein Film, der seine Informationen nur allmählich preisgibt und langsam seine These entfaltet - für die virtuose Dramaturgie zeichnet Merle Kröger verantwortlich. Das Erstaunliche ist, dass dieses gemessene und kontrollierte, auch nüchterne und spröde Erzählen (ein Eindruck, der viel mit Scheffners Off-Kommentar zu tun hat) einen zwingenden Sog, eine unheimliche Wucht entwickelt. Dieser Wucht auf die Spur zu kommen, ist gar nicht so leicht, denn in den Bildern steckt sie nicht: die sind oft leer und nichtssagend, immer wieder das grüne Feld und typische Ansichten eines deutschen Dorfes, glatter Wohlstand mit wohlverputzten Fassaden, brave Amtsvertreter in tristen Behördenstuben.

Nein, die Wucht ist ein Effekt einzig und allein der filmischen Montage, sie ist Effekt der Art und Weise, wie "Revision" Disparates, räumlich und zeitlich Getrenntes zusammenführt. Die Montage macht es unmöglich, den Tod von Velcu und Calderar als bedauerlichen Einzelfall und isoliertes Ereignis abzutun, sondern politisiert ihn, stellt ihn in Zusammenhang mit europäischer Abschottungs- und Grenzsicherungspolitik, mit deutschem Fremdenhass und Anti-Ziganismus: im August 1992 das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen, 1993 folgt die Einschränkung des Rechts auf Asyl. Wenn der Film bei Scheffner zum Mittel einer Revision und Neuverhandlung wird, die neben das Juridische tritt und über es hinausgeht, dann auch und vor allem deshalb, weil er eine besondere Kunst der Ereignisverknüpfung ist.