Frieze-Magazin (D)

Chronik eines Vergessenen Todes
Bert Rebhandl

Philip Scheffners Arbeit steht für einen neuen politischen Dokumentarismus in Deutschland. Sein neuer Film _Revision_ gibt zwei toten Flüchtlingen ihre Geschichte zurück

Im Jahr 1992 war die Grenze des wiedervereinigten Deutschlands zu Polen noch gleichzeitig die EU-Außen­-grenze. Das bedeutete, dass zwar der „Eiserne Vorhang“ gefallen war, aber die Länder des ehemaligen Ostblocks von den (west-) europäischen Frei­heiten abgeschnitten waren. Zu den vielen illegalen Grenzgängern gehörten auch Grigore Velcu und Eudache Calderar, zwei rumänische Roma, die bei Nadrensee in Mecklenburg-Vorpommern nach Deutschland zu gelangen versuchten. Sie wurden am 29. Juni 1992 tot in einem Maisfeld gefunden. Als Todesursache wurde ein Jagdunfall angenommen, die Schützen wurden später in einem Prozess freigesprochen, von dem die Angehörigen in Rumänien nicht einmal in Kenntnis gesetzt worden waren.

20 Jahre später hat der Dokumentarfilmemacher Philip Scheffner den Fall noch einmal aufgerollt. Sein Film Revision (2012) kann als herausragendes Beispiel einer erneuerten Tradition des politischen Dokumentarismus in Deutschland gelten, zu der man neben Scheffner und seiner Partnerin Merle Kröger auch noch Stefan Kolbe und Chris Wright (Kleinstheim, 2010) oder Stefan Hayn und Anja-Christin Remmert (Weihnachten? Weihnachten!, 2009) zählen könnte. Scheffner und Kröger betreiben gemeinsam die Firma pong, die ein Büro in der Skalitzer Straße in Berlin-Kreuzberg unterhält, in dem neben Filmen auch Bücher und Sound-Arbeiten entstehen. Die Bollywood-Krimis von Kröger haben einen konkreten Hintergrund in Freundschaften, die pong in Indien geschlossen hat. Scheffner wiederum beschäftigte sich in seinem ersten eigenen Film The Halfmoon Files (Die Halbmond-Akten, 2006) mit Tonaufnahmen, die während des Ersten Weltkriegs von indischen Kriegsgefangenen gemacht wurden, die in der Nähe von Berlin interniert waren.

Allen diesen Arbeiten ist ein Interesse an Medialität gemeinsam. Dessen Ursprünge lassen sich bis zu politischen Medienkollektiven im Westberlin der 1980er Jahre zurückverfolgen. Von 1991 bis 1999 waren Scheffner und Kröger in der Gruppe dogfilm aktiv, die sich unter anderem mit Seifenoper-Dramaturgien beschäftigte – mit dem Ergebnis, dass sie schließlich selbst eine Para-Soap drehten: Soap Around the World (Seifenoper um die Welt, 1997). Hier zeigte sich bereits jenes postkoloniale und medienkritische Erkenntnisinteresse, das später auch The Halfmoon Files prägte, und das sich wie eine Spur durch die bisher drei abendfüllenden Dokumentarfilme von Scheffner zieht. In The Halfmoon Files sind es die fast 100 Jahre alten Originalaufnahmen, die eine Recherche auslösen nach den Schicksalen dieser einmal um die halbe Welt verbrachten Teilnehmer des ersten globalen Kriegs.

In Der Tag des Spatzen (2010) suchte Scheffner nach den Spuren des weit entfernten gegenwärtigen Afghanistan-Kriegs in der Umgebung idyllisch gelegener deutscher Kasernen – in dem Land, das nach den Worten des Politikers Peter Struck inzwischen „am Hindukusch verteidigt“ wird. Der ganze Film kann als konzeptueller Versuch einer technischen und investigativen Überbrückung dieser nicht sinnfälligen Distanz gesehen werden. Auf diese Weise gelangt Scheffner von den Auswirkungen des Vogelflugs auf die Einsätze von Militärflugzeugen zu dem konkreten Todesfall eines deutschen Soldaten und spinnt zwischen diesen beiden Tatsachen ein assoziatives Netz.

In Revision gibt es nun auch wieder so einen investigativen Brückenschlag. Scheffner hat mit 20 Jahren Verspätung das Naheliegende getan und ist nach Rumänien gefahren, um von den Angehörigen der beiden Toten von 1992 deren Seite der Geschichte zu hören. Die (sprach­lichen, kulturellen und filmtechnischen) Übersetzungsprobleme, die sich dabei ergaben, hat Scheffner in den Film eingebaut. Ein wesent­licher Teil der Aufnahmen besteht darin, dass Leute sich vor laufender Kamera Aussagen anhören, die sie früher gemacht und die Scheffner mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet hatte.

Auf diese Weise entsteht so etwas wie eine Beobachtung zweiter Ordnung, die nicht auf Augenzeugenschaft und Authentizität setzt, sondern auf das Durchdenken von Erinnerung. Mit diesem Gestus des Sich-selbst-Zuhörens bekommt der Filmtitel Revision eine zusätzliche Dimension. Es geht nicht nur darum, einen juridisch abgeschlossenen Fall neu aufzurollen, sondern auch darum, filmisch eine Situation zu erzeugen, in der vorschnell gefällte Urteile oder gefasste Meinungen sich gewissermaßen an ihrer eigenen medialen Verfestigung korrigieren können. Nicht in allen Fällen entsteht aus dieser Konstellation, die Scheffner erzeugt, tatsächlich (Selbst-)Reflexion. Aber in der Montage der Stellungnahmen und mit den Ortsbesichtigungen, die vorgenommen werden, bekommen die beiden Toten von 1992 eine Geschichte zurückerstattet, die ihnen damals – vor Gericht als de facto anonyme „Aliens“, also Fremde gewertet – genommen wurde.

Dabei wird der Einzelfall zweier Toter an der inzwischen innereuropäischen Landesgrenze in den größeren politischen Kontext der Jahre nach der Wende gestellt. Die xenophoben Gewalttaten etwa in Rostock-Lichtenhagen, ebenfalls im Jahr 1992, haben mit dem Tod von Grigore Velcu und Eudache Calderar nicht direkt zu tun. Aber es sind Filme wie Revision, die hier einen Zusammenhang herstellen, den die Öffentlichkeit damals tunlichst nicht sehen wollte.