Die Welt, 13.09.2012

Menschen - nicht Wildschweine
Cosima Lutz

"Revision" rollt einen "Jagdunfall" neu auf

Einen Regisseur, noch dazu einen Dokumentarfilmer, als Meister des Unsichtbaren bezeichnen zu wollen, mag ein wenig paradox anmuten. Doch Philip Scheffner ist genau das: der wahrscheinlich rationalste Geisterforscher und präziseste Phantomjäger, ja sogar der empirischste Okkultist des jüngeren deutschen Kinos.

Sein Interesse am Ungreifbaren gilt in "Revision" zunächst vier Männern: zwei deutschen Schützen und zwei erschossenen Rumänen an der deutsch-polnischen Grenze vor zwanzig Jahren. Eine einzige Kugel genügte, um dem einen den Schädel zu spalten, im Kopf des anderen blieb sie stecken. Ein dritter, der mit dem Leben davonkam, will am Rande des Feldes ein Polizeiauto mit Zielfernrohr gesehen haben. Die örtliche Presse meldete den Tod zweier "polnischer Menschenhändler". Später erklärten zwei Hobbyjäger, sie hätten die Familienväter Grigore Velcu und Eudache Calderar, die die damalige EU-Außengrenze überqueren wollten, in der Morgendämmerung für Wildschweine gehalten.

Zwei Monate nach dem Vorfall im Getreidefeld brannte in Rostock-Lichtenhagen die Aufnahmestelle für Asylbewerber; vier Jahre später begann der Prozess gegen die Jäger, er endete mit Freispruch. Scheffner verortet beide Ereignisse im selben Resonanzraum: den als Jagdunfall zu den Akten gelegten Tod zweier Ausländer – und das fremdenfeindliche Pogrom, dem jüngst ein paar Tage lang gedacht wurde.

Was wirklich passiert ist und wer den Schuss abgab, wird wohl nie mehr genau zu rekonstruieren sein. Scheffner holt trotzdem einfach nach, was die Behörden vor zwanzig Jahren versäumten. Er spricht mit Angehörigen und Zeugen, recherchiert, dass umsichtigere Jäger in andere Reviere ausgewichen waren, weil sie an der Grenze keine Unfälle riskieren wollten; und einen Astronomen lässt er berechnen, wie hell es in jener Nacht zur Tatzeit war. Dann stellt er seine Kamera zu exakt denselben Lichtverhältnissen dort auf, von wo aus die Schützen die vermeintlichen Wildschweine erspähten, und lässt den Zuschauer: klar sehen.

Vor Scheffners Linse wollten die Jäger nicht, sie schweigen und bilden im Film eine Leerstelle, die umso deutlicher die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf Bildausschnitte und ihre Atmosphären lenkt. Den Fall, in dem es nie eine Revision, nicht einmal eine akribische Spurensicherung gegeben hat, legt der Regisseur mit kühler Präzision Schicht für Schicht, Anfang für Anfang frei.

Schon 2007 in "The Halfmoon Files" ging Scheffner vor wie ein Geisterjäger: Auf der Spur vergessener Tondokumente aus einem deutschen Gefangenenlager des Ersten Weltkriegs, auf denen die indischen Insassen Sprachproben zur wissenschaftlichen Bearbeitung hinterlassen mussten, versuchte er den längst Verstorbenen und ihren Herkunftsorten diese Vermessungen zuzuordnen.

"Revision" lässt nicht bloß einen juristischen Anspruch anklingen, der Titel ist auch formales Programm. Denn die Befragten hören ihre eigenen Aussagen vor laufender Kamera noch einmal an, nicken dann, ergänzen und beglaubigen das Gesagte. Keine Satztrophäen liefern sie ab, sie bleiben Souveräne ihrer eigenen Geschichtsversion, sind es vielleicht überhaupt erst jetzt.

Darin ähnelt "Revision" weniger einer empörten Zeitgeschichtsreportage als der klimatologischen Rekonstruktion eines fernen Erdzeitalters: einer Zeit seltsamer Schwingungen, Einfallswinkel und tektonischer Grenzverschiebungen, die gerade zwei Jahrzehnte zurückliegt. Das rückt auch die Gegenwart mit ihren unmerklichen Anfängen und Unterlassungen (NSU) in ein beklemmend scharfes Licht. Die Angehörigen der Erschossenen wussten bis zu Scheffners Recherchen nicht, dass es in Deutschland überhaupt eine Gerichtsverhandlung gab.