andrewendler

Revision

Jedes doku­men­ta­ri­sche Film­for­mat muss eine Hal­tung zu den Wahr­heits­ef­fek­ten ein­neh­men, die es not­wen­di­ger­weise pro­du­ziert. Selbst wenn Filme The­sen, Ein­stel­lun­gen, Aus­sa­gen zurück­wei­sen, pro­du­zie­ren sie darin posi­ti­ves Wis­sen: so ist es nicht gewe­sen. Statt zu fra­gen, wel­ches Wis­sen, wel­che Wahr­heit bestimmte Filme pro­du­zie­ren, rekon­stru­ie­ren oder ver­leug­nen, müsste man viel­leicht danach fra­gen, wie sich Filme zu ihren Aus­sa­ge­ak­ten ver­hal­ten und deren Wahr­heits­spiele selbst reflek­tie­ren. In Revi­sion lässt Phi­lip Scheff­ner die Aus­sa­gen sei­nes Films von einem Ver­fah­ren kom­men­tie­ren, das bereits im Titel benannt ist: alle Per­so­nen, die inter­viewt wer­den, hören sich ihre eige­nen Aus­sa­gen kurz nach der Auf­zeich­nung an und wer­den dabei wie­der gefilmt. Sie kön­nen Zusätze machen, sich selbst erklä­ren oder ein­fach nur zur Bestä­ti­gung des Gesag­ten nicken. Die Ein­drü­cke und Erin­ne­run­gen wer­den damit zu mehr. Sie wer­den zu bestä­tig­ten Ein­drü­cken und Erin­ne­run­gen und kön­nen einen ande­ren Wahr­heits­ge­halt bean­spru­chen, als ein­fach nur Dahin­ge­sag­tes. Die Geste sagt: die Leute, die hier spre­chen, wis­sen was sie sagen und sie wis­sen, dass das Gesagte in einem Film erschei­nen wird. Und sie sagt: die Fil­me­ma­cher, wis­sen was sie tun, weil sie das Ergeb­nis ihrer fil­mi­schen Recher­che sofort wie­der in diese ein­spie­len und es unter Anwe­sen­heit des Films einer Wahr­heits­probe unter­zie­hen. Ein zwei­tes fil­mi­sches Moment von Revi­sion: nichts ist von Anfang an gege­ben. Der Film erklärt erst, wie alles funk­tio­niert, indem er die Inter­view­ten ein­mal zeigt und sie spre­chen lässt und dann, indem wir die selbe Per­son sehen, aber nur mit hör­bar räum­li­chem Klang ihre Stimme hören. Und was für sein metho­di­sches Vor­ge­hen gilt, trifft erst recht auf seine Inhalte zu. Die Details der Morde aus dem Jahr 1992 wer­den nach und nach frei­ge­legt. Immer wie­der hören wir eine im übri­gen nicht wei­ter ein­ge­ord­nete Erzäh­ler­stimme, die immer prä­zi­ser beschreibt, wie die bei­den Rumä­nen bei ihrem nächt­li­chen Grenz­über­tritt von zwei Hob­by­jä­gern erschos­sen wur­den. Das hat etwas Ten­ta­ti­ves, das sich nach und nach in Raum und Zeit des Films ent­fal­tet. Wenn diese Beglau­bi­gungs– und Annä­he­rungs­ver­fah­ren auch etwas Zwin­gen­des haben, dem ich mich beim Sehen nicht wider­set­zen kann und das mir stel­len­weise etwas Unwohl­sein berei­tet, ist der Film keine jener Fak­ten­schleu­dern, die am Ende zwei­fels­frei aus­ge­gra­ben haben wer­den, was wirk­lich und wahr­haf­tig gesche­hen ist. Es bleibt etwas Irre­du­zi­bles, das hin­ter dem Schmerz der Ange­hö­ri­gen, unter der Schlam­pe­rei der Ermitt­lun­gen, laten­ter und offe­ner Aus­län­der­feind­lich­keit und schließ­lich zwan­zig ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht her­vor­zu­ho­len ist. Das wird nicht nur deut­lich in den zahl­rei­chen sich wider­spre­chen­den oder ein­an­der kor­ri­gie­ren­den Aus­sa­gen, die der Film neben­ein­an­der stellt, den enig­ma­ti­schen Bil­dern, die immer wie­der neu inter­pre­tiert wer­den. Letzt­lich legt der Film all das in eine Kette aktu­el­ler Bil­der vom dama­li­gen Tat­ort. Um das Feld herum ste­hen einige große Wind­rä­der, deren Schat­ten über das Feld und das angren­zende Wäld­chen zie­hen und deren die Luft zer­schnei­den­des, rhyth­mi­sche Geräusch den Puls des Films oft struk­tu­riert. Je län­ger der Film dau­ert, um so häu­fi­ger kommt er zu die­sen Rädern in Detail­auf­nah­men zurück, die irgend­wann zu rei­nen rhyth­mi­sier­ten ästhe­ti­schen For­men wer­den: als Schat­ten im Gegen­licht, als rotes Blin­ken in schwar­zer Nacht, als weiß-rote Klap­pen, die den blauen Him­mel durch­pflü­gen. Es blei­ben rät­sel­hafte Bil­der, die an das rüh­ren, was 1992 hier gesche­hen ist, es aber weder erset­zen noch ver­söh­nen kön­nen oder wol­len. Auf­ge­ho­ben wer­den die Erin­ne­run­gen an die Ermor­de­ten aus­ge­rech­net in einem Kino, in dem sich nichts so gut wie Mord­ge­schich­ten und absicht­lich offene oder ver­dop­pelte Iden­ti­tä­ten ver­kauft. Am Anfang des Fil­mes sehen wir ein Mais­feld, das unter ohren­be­täu­ben­dem Lärm abge­ern­tet wird und bei dem alle Asso­zia­tio­nen von Tat­ort über siche­res Ver­steck, bis zu bana­ler Bau­ern­land­schaft dabei sind. Es ist aber unter ande­rem das berühm­teste Mais­feld aller Zei­ten. Die bedrü­ckend wirk­li­che Räu­ber­pis­tole aus Bran­den­burg ist von der deutsch-polnischen Grenze nicht wei­ter ent­fernt als von North by Northwest. Scheff­ner ist klug genug, sich dem nicht zu ver­schlie­ßen und einen offen­si­ven Umgang damit zu suchen, der dem ganze Pro­jekt nichts von sei­ner poli­ti­schen Schlag­kraft nimmt, son­dern es ganz im Gegen­teil als jenes Pro­jekt fil­mi­scher Klar­sicht mar­kiert, das es in sei­ner per­ma­nen­ten Selbst-Revision ist.