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Nachhall
Nicole Wolf, Januar 2012

Hätte es sie bereits zur Tatzeit – 3 Uhr 45 am Morgen des 29. Juni 1992 – gegeben, dann wären wohl die Windmühlen zu den wichtigsten Zeugen geworden. Hören wir jedoch genau hin, lässt sich dennoch eine bezeugende Resonanz der Befindlichkeit des Tatorts und seiner Geschichten in den Bewegungen der Mühlen erkennen: mal langsam, zäh und daher fast still, mal energetisch angetrieben und eindringlich laut rotierend.

Revision fesselt unsere Aufmerksamkeit wie ein Kriminalroman, den wir nicht mehr beiseitelegen können. Mit scheinbarer Leichtigkeit und einer präzise durchdachten Erzählstruktur führt der Film uns eine Fülle an Materialien und Aussagen vor. Dabei fokussiert und verdichtet sich einerseits unser Blick auf das zu ermittelnde Tötungsdelikt, gleichzeitig aber eröffnet sich eine immense Tragweite politischer Verantwortlichkeiten, derer sich zu erinnern heute wie gestern und morgen unerlässlich ist. Revision verlässt das Kriminologische und das Dokumentarische und schafft einen tribunalartigen Verhandlungsraum als filmformales und politisches Ereignis. Indem der Film genau mit und an den Grenzen dieser Repräsentations- und Erzählformen arbeitet, gelingt es ihm, gleichzeitig die Mechanismen auch dieser Form der alternativen Gerichtsbarkeit zu verhandeln, ohne dabei den Fokus auf das Eigentliche in der Reflexion zu verlieren.

Die Familien der beiden Getöteten Eudache Calderar und Grigore Velcu – zwei Väter und Ehemänner auf dem Weg von Rumänien nach Deutschland – waren für die Verhandlungen der verantwortlichen deutschen Justiz nicht relevant, ebenso wenig wie es eine genaue Untersuchung des Tatorts war: ein Getreidefeld nahe Nadrensee, gelegen in Deutschland an der polnischen Grenze und daher 1992 an der Grenze der Europäischen Union. Calderar und Velcu sind zwei der 14.687 Einwanderer, die zwischen 1988 und 2009 an der Grenze der EU starben – so die in der Presse berichteten Zahlen der NGO Fortress Europe.
Eigentlich tut der Filmemacher zusammen mit seinem Team nur genau das, was aus verschiedensten Gründen unterlassen worden ist: Er recherchiert gründlichst, befragt alle auffindbaren Zeugen, rekonstruiert die Koordinaten der Tat am Tatort bis in jedes ersichtliche Detail, und vor allem sucht er die unmittelbar Betroffenen auf, nämlich die Familien und Nachbarn der Toten. Neben dieser Veranwortlichkeit erkennt er jedoch als grundlegendes Problem der Repräsentation, dass es in diesem Fall und seiner bisherigen Geschichtsschreibung keinen politischen und keinen rechtlichen Raum, das heißt keinen Subjektstatus für die Getöteten und ihre Angehörigen und entsprechend keinen eigentlichen filmästhetischen Raum gibt, innerhalb dessen die vorhanden Lücken einfach geschlossen werden könnten.

Ein filmisches Tribunal
Der Film muss genau diesen politischen Raum erst schaffen, um nachhaltig eine andere Narration dieses Falles – ebenso wie verwandter Fälle – zu fordern. Er tut dies, indem er das Zuhören explizit zur filmischen und politischen Methode macht. Zuhören wird Raum, Zwischenraum, innerhalb und vor dem Bild. Zuhören wird zu einem neuen filmischen Ort und politischen Raum, wird Prozess der Konstitution von Zeugenschaft. Zuhören wird zum Anhören der eigenen Aussage, zum gemeinsamen Hören und Kommentieren innerhalb der Familie, zum gemeinsamen Hören zwischen Zeugen, Filmemacher und Zuschauer. Wir, als Zuschauer, hören und sehen beim Zuhören zu. Die Zeugen konstituieren sich dabei durch ihre eigene Anhörung und nicht durch die des Filmemachers oder des Zuschauers, die ansonsten wie Richter agieren würden. Die Anrufung der Familienmitglieder als Opfer ohne „Rechte auf Rechte“ wird übergangen, indem ihre Aussagen nicht als sogenanntes „rohes Beweismaterial” gesammelt und präsentiert werden, sondern indem der Film sich die Mediatisierung von Verhältnissen konstruktiv zu eigen macht. Diese Methode wird auch für diejenigen verfolgt, deren Position im System es ihnen bereits erlaubt, Forderungen zu artikulieren oder Möglichkeiten des Systems zu verschweigen. So wird jede Stimme zur filmisch materiellen, zur akustischen, zur emotionalen, zur inhaltlichen, zur körperlichen und veräußerten, zur ästhetischen und zur politischen Erfahrung. Zugleich sind die Zeugenaussagen fehlendes Beweisstück, Material zur Rekonstruktion und Revision der Geschichte, Facetten des Sich-Mitteilens, Filmaufnahme, Initiation von nie geführten Gesprächen und Verhandlungen und Beispiel verschiedenster Texturen von Erinnerungen.

Neben den Erinnerungen an das „Schöne im Leben“ hören wir auch, wer sich nicht erinnern muss und wer sich manchmal nicht erinnern kann, weil das zu große Kopfschmerzen bereitet. Alle Zeugen, deren Perspektiven in dieses nachhaltige filmische Tribunal geladen sind, finden sich an einem anderen Anfang der Geschichte zweier Schüsse mit fatalen Folgen wieder. Diese Pluralität, Mediation und Reflexion führt weg von der Repräsentation einer vorhandenen Justiz und schafft gerade so die Möglichkeit, in der Stille nach dem Film eigene Anfänge in dieser und ähnlichen Geschichten zu finden, weiter zu fragen, zu denken, zu agieren, zu hören – und dem intensiven Nachhall von Revision ein Stück zu folgen.
Nicole Wolf, Januar 2012