Director’s Statement

REVISION
Der Film beginnt mit dem Ende einer Geschichte: Laut einer Statistik der NGO „Fortress Europe“ wird in der Presse zwischen 1988 und August 2009 über mindestens 14.687 Menschen berichtet, die entlang der europäischen Grenzen starben. Ihr Tod macht sie in Form einer Nachricht zu einem Teil europäischer Geschichte – und entzieht ihnen gleichzeitig das Recht auf eine eigene Stimme in der Geschichtsschreibung. Sie erscheinen als stumme Zeugen eines europäischen Sicherheitsdiskurses, der sich vor allem um sich selbst dreht – und diese Toten billigend in Kauf nimmt.

REVISION ist ein Versuch, die offenen Enden einer solchen Nachricht aufzunehmen und die filmischen Möglichkeiten auszuloten, ihre Protagonisten als Akteure einer Geschichte zu verstehen. Einer Geschichte mit vielen Anfängen.

Wo und wann beginnt diese Geschichte?
Am 29.06.1992 auf einem Getreidefeld nahe der deutsch-polnischen Grenze? Zur gleichen Zeit in einem Asylbewerberheim in Rostock? Ein paar Monate vorher in Rumänien? 19 Jahre später, wenn die Familien der Getöteten davon erfahren, dass die Angeklagten frei gesprochen wurden? Mit der Titelsequenz des Films?

Der Film rekonstruiert biografische und politische Perspektiven der Erzählung, die gleichzeitig die Bedingungen und Konventionen meiner eigenen, filmischen Narration als Teil eines politischen Gesamtzusammenhangs thematisieren und in Frage stellen.

Auf der formalen Ebene war die Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Aussage“ wichtig: Dieser Begriff bildet die Schnittmenge zwischen einem juristischen Ermittlungsverfahren bzw. einem Prozess und der Arbeit des dokumentarischen Filmemachers. Interessanterweise ist das juristische Verfahren, das in REVISION eine Rolle spielt, genau an diesem Punkt gescheitert: der Tathergang ließ sich anhand der Aussagen nie eindeutig rekonstruieren.

Juristisch wird ein Zeuge als eine Person bezeichnet, die über „wahrgenommene Tatsachen berichten soll“. Die reine Wahrnehmung allein reicht nicht aus – sie muss gegenüber einer anderen Person oder einer Institution „berichtet“ bzw. „bezeugt“ werden. Damit eine Person zu einem Zeugen werden kann, bedarf sie immer eines Gegenübers – eines Zuhörers, der wiederum als Zeuge der eigentlichen Zeugenaussage fungiert. Die Auseinandersetzung mit diesem komplexen Spannungsverhältnis zwischen Sprechendem und Zuhörendem spielt im Film eine zentrale Rolle. Die Akteure erscheinen in unterschiedlichen Rollen: Ein Zeuge versucht sich zu erinnern – er beginnt zu sprechen. In einer weiteren Einstellung hört er seiner eigenen Erzählung zu – er kann die Erzählung anhalten, kommentieren oder berichtigen. Im Moment des Zuhörens wird er Zeuge seiner eigenen Aussage und stellt damit eine Verbindung zum Betrachter her. Dieser erlebt die REVISION des Gesagten.

Im Laufe der Dreharbeiten habe ich das gefilmte Zuhören als einen sehr aktiven Prozess erlebt. Es gibt der Person vor der Kamera ein Mittel der Kontrolle und verändert die Machtverhältnisse im Raum. Der Moment des Dokumentarischen, die scheinbare Authentizität, die entsteht wenn jemand vergisst, dass die Kamera läuft, wird bereits im Moment der Aufnahme gebrochen.
© pong Kröger und Scheffner January 2012